Was ist Tonartcharakteristik?
Die Tonartcharakteristik ist die Vorstellung, dass jede Tonart – ob Dur oder Moll – eine eigene emotionale Färbung besitzt. Auch wenn moderne Instrumente (z. B. Klaviere) heute gleichstufig gestimmt sind und alle Tonarten technisch gleich klingen, hat sich diese Idee über Jahrhunderte gehalten – und beeinflusst Komponisten bis heute.
Besonders in der Barock- und Klassikzeit galt jede Tonart als Träger einer bestimmten Affektlage, also eines seelischen Ausdrucks wie Trauer, Erhabenheit, Zärtlichkeit oder Wut.
Historischer Ursprung
🎵 Johann Mattheson (1681–1764)
Der Hamburger Komponist, Musiktheoretiker und Zeitgenosse Bachs war einer der ersten, der Tonarten systematisch charakterisierte. In seinem Werk “Der vollkommene Capellmeister” (1739) schreibt er etwa:
C-Dur: „freudig und unbefangen“ d-Moll: „ernsthaft und andächtig“ E-Dur: „heiter und wehmütig zugleich“
Mattheson verband die Wirkung der Tonarten mit der Affektenlehre, die Musik als Mittel verstand, menschliche Leidenschaften (Affekte) gezielt anzusprechen.
🎶 Marc-Antoine Charpentier (1643–1704)
Der französische Barockkomponist hinterließ in einem Manuskript (Regles de composition musicale) eine bemerkenswerte Übersicht über die Tonarten und ihre emotionalen Bedeutungen – in der französischen Barockästhetik tief verankert:
C-Dur: „fröhlich und kriegerisch“ d-Moll: „sanft und fromm“ F-Dur: „friedlich und ländlich“
Charpentiers System war dabei stark auf Vokal- und Kirchenmusik ausgerichtet – passend zur Praxis der Zeit, in der Musik als Mittel religiöser oder höfischer Repräsentation diente.
✍️ Christian Friedrich Daniel Schubart (1739–1791)
Der schwäbische Dichter, Organist und Musiktheoretiker schrieb in seinem Werk „Ideen zu einer Aesthetik der Tonkunst“ (1806, posthum veröffentlicht) einen der berühmtesten Texte zur Tonartcharakteristik:
C-Dur: „rein, heiter, unschuldig, kindlich“ Es-Dur: „die Liebe, das fromme Gefühl, das Gespräch mit Gott“ e-Moll: „weich, klagend, weiblich“ fis-Moll: „grimmig, verdrießlich, leidenschaftlich“
Schubarts Tonartbeschreibungen sind emotional aufgeladen und poetisch – stark beeinflusst von Aufklärung und Empfindsamkeit. Sie haben viele spätere Musikästhetiker und Komponisten beeinflusst.
🎻 Beispiele aus der Musikgeschichte
Komponisten aller Epochen griffen bewusst auf bestimmte Tonarten zurück, um spezifische Stimmungen zu erzeugen:
Beethoven wählte c-Moll für seine dramatischsten Werke (z. B. 5. Sinfonie, Klaviersonate Pathétique). Mozart schrieb seine leidenschaftlichsten Werke oft in g-Moll (z. B. Sinfonie Nr. 40, Sturm und Drang-Stil). Mahler verwendete D-Dur in seiner 1. Sinfonie zur Darstellung von Licht, Aufbruch und Lebensfreude. Bach nutzte in seinen Chorälen h-Moll häufig für Leid und Ergriffenheit (z. B. h-Moll-Messe).
🎧 Heute: Reine Einbildung?
Mit der Einführung der gleichstufigen Stimmung (spätestens seit dem 19. Jh.) klingen alle Tonarten auf modernen Instrumenten technisch gleich. Dennoch halten viele Musiker und Hörer bis heute an der Idee der Tonartcharakteristik fest – aus kulturellen, emotionalen oder historischen Gründen.
In der Filmmusik und im Sounddesign wird dieses Wissen bis heute bewusst eingesetzt, um Stimmung zu erzeugen.
📝 Fazit
Die Tonartcharakteristik ist kein objektiv messbares Phänomen, aber ein tief verwurzelter Bestandteil europäischer Musikgeschichte. Sie erinnert uns daran, dass Musik nicht nur Klang ist, sondern auch Bedeutung, Gefühl und Ausdruck. Komponisten wie Mattheson, Charpentier und Schubart haben dieses Wissen geprägt – und ihre Gedanken hallen bis heute nach.


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