Die Lupenstelle: Warum kleine Ausschnitte oft mehr bringen

Eine schwierige Stelle fühlt sich oft größer an, als sie ist. Man spielt ein Stück, kommt an eine Passage, stolpert, setzt wieder vorne an und hofft, dass es beim nächsten Mal besser wird. Beim zweiten Durchlauf passiert Ähnliches. Beim dritten auch. Irgendwann entsteht der Eindruck: Das ganze Stück ist schwierig. Meist stimmt das so nicht.…

Eine schwierige Stelle fühlt sich oft größer an, als sie ist.

Man spielt ein Stück, kommt an eine Passage, stolpert, setzt wieder vorne an und hofft, dass es beim nächsten Mal besser wird. Beim zweiten Durchlauf passiert Ähnliches. Beim dritten auch. Irgendwann entsteht der Eindruck: Das ganze Stück ist schwierig.

Meist stimmt das so nicht.

Oft ist es nur ein kurzer Moment. Zwei Takte. Ein Übergang. Ein Griffwechsel. Eine rhythmische Verschiebung. Eine Stelle, an der Kopf, Ohr und Finger noch nicht gleichzeitig wissen, was zu tun ist.

Dafür braucht es die Lupenstelle.

Die Lupenstelle ist ein kleiner Ausschnitt, der für kurze Zeit aus dem Stück herausgenommen wird. Höchstens drei Takte. Man spielt sie langsam, klatscht den Rhythmus, spricht die Linie, singt eine Stimme oder übt nur den Wechsel. Der Zusammenhang wartet. Erst wird die Stelle verstanden.

Für Lernende ist das manchmal ungewohnt. Viele möchten das Stück als Ganzes können. Das ist verständlich. Musik lebt vom Zusammenhang. Aber genau dieser Zusammenhang kann eine schwierige Stelle verdecken. Man rauscht hinein, kämpft sich hindurch und ist schon wieder weiter, bevor man wirklich gehört hat, was passiert.

Die Lupenstelle verlangsamt diesen Moment.

Sie fragt: Was genau ist hier schwer?
Ist es der Griff?
Der Rhythmus?
Die Orientierung auf der Tastatur?
Der Klang?
Der Übergang von einer Hand zur anderen?
Der Atem vor dem Einsatz?

Sobald die Frage präziser wird, wird auch das Üben präziser.

Eine gute Lupenstelle wird so langsam gespielt, dass kein Zufall mitspielt. Das ist für viele zunächst fast zu langsam. Der Körper braucht diese Langsamkeit. Er speichert Bewegungen zuverlässiger, wenn er Zeit hat, sie zu ordnen.

Erst wenn die Stelle dreimal ruhig gelingt, kommt ein Takt davor und ein Takt danach dazu. So wächst die Stelle zurück ins Stück.

Das ist keine Abkürzung. Es ist der genauere Weg.

Wer mit wenig Zeit übt, erlebt dabei oft einen interessanten Effekt: Man übt weniger Material und hat am Ende mehr geschafft. Weil die Aufmerksamkeit an der richtigen Stelle war.

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